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Die Geschichte wurde 2004 mal gelesen.


Jacques Lupus

Der Wasserhahndieb

Der Wasserhahndieb

oder wie Edgar einen Jungunternehmer trifft

© Jacques Lupus

Nach einer langen Nachtschicht hatte Edgar schlecht geschlafen. Seine Nachbarin Martina hatte wieder einmal ihren Hausfreund Heiner zu Gast, und die beiden hatten wohl noch vom letzten mal viel nach zu holen, denn Martinas Mann Paul war unerwartet früh nach Hause gekommen. Nun galt es verpasstes nachzuholen.

„So ist es eben“, dachte sich Edgar.
„Der Freund des Hauses kommt, wann er will, und der Hausfreund will, wenn er kommt!“

Nur war dabei Edgars Schlaf etwas zu kurz gekommen, denn besonders Martina war stets sehr laut bei ihrem Liebesspiel mit Heiner, den Edgar von der Stammkneipe her gut kannte. Heiner gab dann die besten Szenen bildlich ausgezeichnet wieder, so dass alle im Saal auch etwas davon hatten.

„Bei Gelegenheit werde ich Martina einmal aufklären!" dachte Edgar, denn er mochte es nicht, wenn Frauen derart bloß gestellt wurden.

„Ein Gentleman genießt und schweigt!“ war Edgars Motto.

 

Müde schaute er aus dem Fenster auf die Straße, und die Morgensonne kitzelte ihm die Nase so, dass er niesen musste. Behänd entfernte er den störenden Popel mit einer Handbewegung, die ihm sein Großvater beigebracht hatte, und schaute diesem nach bis zum Blumenbeet, wo dieser sanft landete.

„Dieses Jahr kommt das Frühjahr aber früh!“ dachte Edgar. „Die Frühblüher stehen ja schon in den schönsten Farben.“ Selbst die Maiglöckchen, die Edgar aus dem Garten seiner Eltern letzten Hebst umgesetzt hatte, waren wieder gekommen.

„Da wird sich Marion aber freuen“, lächelte Edgar vor sich hin.

 

Schon lange wollte Edgar den Wasserhahn, der zur Strasse ging, reparieren, aber selbst bei Striebecke  in der Karl-Marx-Allee hatte er keinen zu kaufen bekommen. So musste er das Wasser stets drei Treppen hinunter tragen, um Marions Blumen zu gießen.

 

Schräg gegenüber wohnte Edgar Skatkumpel Franz. Auch er war zu Hause und schaute aus dem Fenster.

„Hallo Edgar!“ rief er lauthals. „Wann wollen wir eigentlich wieder einmal Skat spielen?“

„In zwei Wochen habe ich Frühschicht“, antwortet Edgar seinem Freund. „Da komme ich mal rüber in die Wirtschaft zum Skaten; einverstanden!“

„Einverstanden!“ rief Franz zurück. „Und wie geht es so den lieben Tag.“

 

Edgar grinste und zeigte mit dem Daumen um die Ecke zur Nachbarwohnung. Franz verstand den Hinwies sofort und griente ebenfalls in sich hinein.

„Nun müssen wir nur noch Heiner treffen!“ rief er.

„Und schon wissen wir wieder Bescheid“, antwortete Edgar.

 

„Sag mal Franz“, fragte Edgar sein gegenüber. „Hast du eine Ahnung, wo ich einen Wasserhahn her bekomme.“

„ Ja“, antworte Franz prompt. „Im Hochhaus ist ein Stützpunkt mit Karl dem Rentner.

Du besorgst dir einen Bezugsschein über die Wohnungsverwaltung, und schon hast du einen Wasserhahn.“

 

Edgar hatte sowieso den ganzen Nachmittag Zeit. Er machte sich frisch, zog seine Lederjoppe über und ging zum Hochhaus, das keine hundert Meter von seine Wohnung entfernt stand. Im Keller fand er auch Karl, einen gemütlichen Rentner, der es zu seiner Aufgabe gemacht hatte, Ordnung in das Wohngebet zu bringen. Bei ihm gab es Glühlampen, Werkzeuge, wie Besen und Schaufel sowie Harken.

Tapezierbretter konnte man sich auch ausleihen.


Freundlich begrüßte Edgar Karl, den Rentner, und äußerte seinen Wunsch.

„Hast du den Bezugsschein parat?“ fragte Karl.

„Den besorge ich, wenn ich zur Wohnungsverwaltung gehe“, antworte Edgar freundlich, und stolz trug Edgar einen Wasserhahn aus Messing nach Hause.

 

Geschickt montierte Edgar den Wasserhahn, der in der Frühjahrssonne goldfarben glänzte, und Edgar freute sich über sein Werk. Martina, die inzwischen wieder solo war, schaute aus dem Fenster und lobte Edgar.

„Na das war aber schon längst überfällig!“ rief sie Edgar zu. „Da gieße ich auch mal die Blumen, wenn ihr im Urlaub seid.“

„Gut, dass ich dich sehe“, antwortete Edgar. „Mit dir muss ich einmal unter vier Augen reden.“ Bei einer Tasse Kaffee klärte Edgar Martina über ihren Hausfreund auf.

Enttäuscht schaute sie verlegen in die Ecke und sagte zu Edgar: „Typisch Mann! Wenn ihr nicht prahlen könnt.“

„Du musst dir halt einen Hausfreund suchen, der still genießen kann, ohne damit zu prahlen“, klärte Edgar Martina weiter auf.

Martina lächelte Edgar mit dunklen Augen an!

Edgar nahm die Gelegenheit, sich schnell zu entfernen, denn offenbar war Heiner nicht fleißig genug gewesen. Edgar schaute aus dem Fenster zu seinem montiertem Wasserhahn!

 

„Das gibt es doch nicht!“ dachte Edgar laut. „Der Wasserhahn ist ja weg.“

In der Viertelstunde, als Edgar mit Martina einen Kaffee getrunken hatte, war ein Dieb tätig gewesen, der den Wasserhahn kurzerhand entfernt hatte.

 

„Na gut!“ dachte sich Edgar. „Alle guten Dinge sind zwei.“

 

Geschniegelt und gebügelt stellte sich Edgar bei Karl, dem Rentner, ein, und erzählte diesem die Geschichte vom Wasserhahn.

„Da scheint einer ein Haus zu bauen!“ sagte Karl kurz und gab Edgar eine anderen Wasserhahn aus Messing in die Hand.

„Bekommst du da auch keinen Ärger?“ fragte Edgar Karl, der aber mit dem Kopf schüttelte und sinnlich drein schaute: „Wir leben halt in einem Arbeiter- und Bauernstaat! Da muss man schon mal mit solchen kleinen Verfehlungen rechnen.“

 

Edgar trabte von Tannen, montierte den Wasserhahn erneut, und er erzählte alles am Abend seiner Frau Marion. „Wo hast du einen Wasserhahn montiert? Auf der Strasse? Da ist aber kein Waserhahn“, antwortete Marion. „Komm reg dich nicht auf. Das bisschen Wasser zum Gießen kann ich doch auch mit runter nehmen, wenn ich das Beet pflege.“

 

Edgar beschäftigte der Vorgang!

Irgend jemand musste ihn wohl beobachtet haben, und so billig an Wasserhähne kommen. „Dem werde ich aber die Suppe versalzen!“ schimpfte Edgar vor sich hin.

 

Am nächsten Tag besorgte sich Edgar am Nachmittag über Karl den Rentner einen dritten Wasserhahn aus Messing mit der Absprache, zwei wieder zurück zu bringen.

 

Behänd montierte Edgar den Wasserhahn und legte sich auf die Lauer.

Da er im Neubaugebiet wohnte, hatte er so viel Zeit, um den Dieb zu stellen.

 

Edgar lag lange auf der Lauer, aber nichts passierte!

 

Im Erdgeschoß wohnte ein Major der Volksarmee. Edgar grüße schon aus Gewohnheit stets sehr freundlich, denn von seiner Armeezeit her hatte er genug Respekt eingeflößt bekommen. Leiden mochte er ihn nicht so recht, denn es war schlicht und einfach gesagt für Edgar ein Blödmann.

Als Edgar zusammen mit seiner Familie in den Zehnfamilienblock einzog, hatte Edgars jüngster Sohn Manuel den Major auf der Strasse entdeckt.

„Bist du ein richtiger Soldat?“ hatte Manuel den Major der Volksarmee gefragt.

 

„ Du spinnst wohl!“ hatte der Major Manuel mürrisch angefahren.

 

Manuel war zu der Zeit gerade einmal fünf Jahre alt und konnte den derben Tonfall des "Soldaten"nicht verstehen. Er machte darauf hin stets einen großen Bogen um den Major.

 

Plötzlich öffnete sich die Tür des Hauses und der Major mit Rohrzange erschien.

So behänd Edgar den Wasserhahn aus Messing montiert hatte,  so schnell war der Wasserhahn wieder entfernt worden.

„Und das von einem Major der Volksarmee!“ dachte sich Edgar.

 

Er dachte nicht weiter, denn mit einem Major der Volksarmee wollte Edgar nichts zu tun haben. Wie schnell konnte der Fall eintreten, und Edgar würde als Reservist der Volksarmee einberufen. Wohlmöglich noch mit solch einem Vorgesetzten.

 

Die Zeit verging. Sie hatte sich sehr verändert.


Inzwischen gab es auf dem Markt Wasserhähne aller Sorten, Industriegüter der Spitzenklasse und auch Autos, die es früher nicht gab. Egar hatte früher zwanzig Jahre auf seinen Trabbi warten müssen. Nun konnte er frei das Auto seiner Wahl kaufen.
Er hatte sich für die Marke Opel entschieden.

 

Franz hatte Edgar das Opelhaus Reiter auf den Platz der Befreiung empfohlen, denn da gab es gute Rabatte bei Barzahlung.

Edgar betrat das Autohaus Reiter und wurde freundlich von dem Jungunternehmer Reiter begrüß:
„Na Herr Koslowski. Wir kennen uns doch aus alten Zeiten.
Womit kann ich dienen!“


„Ich möchte eine Opel Vectra kaufen und bar bezahlen!“ antwortete Edgar erstaunt.


Er stand vor dem Wasserhahndieb vergangener Zeiten.

 

So haben sich die Zeiten verändert. Die Wasserhahndiebe sind heute Autohausbesitzer, Marktleiter und Geschäftsinhaber. Sogar Familienunternehmen haben sie gegründet und produzieren PCs und dergleichen.

„Wo die wohl das Kapital her haben?“ fragte sich Edgar, und verließ mit einem nagelneuen Opel Vectra das Autohaus Reiter auf dem Platz der Befreiung in Großbehren.




Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diese Geschichte liegen beim Autor (Jacques Lupus).
Die Geschichte wurde auf Wunsch von Jacques Lupus auf e-Stories.de aufgenommen - Vielen Dank!
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2008. - Infos zum Urheberrecht




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